25.
Jan
2011

von Sebastian Pertsch | 25.01.2011 | Shortlink: http://go.rockbär.de/WBR

Alle besoffen bei der Bundeswehr!

Alle besoffen bei der Bundeswehr!

Bei der Bundeswehr wird gesoffen, mit Waffen posiert, die Soldaten werden in der Grundausbildung gedrillt und unter Druck gesetzt, und auch der Samendruck sei wohl richtig hoch. Meine Güte, welch ein Skandal! Da wäre ja niemand drauf gekommen. Sie etwa? In vielen Nachrichten Medien konnte man heute gleich zwei verfälschte, an sich widersprüchliche Eindrücke gewinnen: Derartige Vorkommnisse sind eine wahre Neuigkeit in der 56-jährigen Geschichte der Bundeswehr. Zum Anderen: Die gesamte 235.000 Mann starke Armee mit über 7.000 Auslandssoldaten wäre ausnahmslos davon betroffen. Ich möchte die tatsächlichen Skandale nicht im Geringsten verharmlosen; ohne sie an dieser Stelle erneut aufzulisten (davon konnte man in den vergangenen Tagen genug lesen). Ich möchte auch keine Diskussion über die Bundeswehr lostreten. Es geht mir in diesem Artikel ausschließlich um die Sinnhaftigkeit dieser Pseudo-Meldungen. Auch darum, zwischen Bier-Trinken und sexueller Nötigung differenzieren zu können.

Kritik am Wehrbeauftragten

Dass der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages die Skandale aufgedeckt und auf den Tisch geknallt hat, war wichtig und notwendig; auf der anderen Seite aber auch eine Selbstverständlichkeit in seiner Funktion. Seine Aufgabe ist unabdingbar für eine Parlamentsarmee. Er ist einer der wenigen, der sowohl der Politik als auch der Öffentlichkeit die Probleme innerhalb der Armee aufführt und auch aufführen kann. Kaum jemand hat mehr Einblick in die Geschehnisse und ist trotzdem unabhängig. Dass nun der FDP-Politiker (teils aus den eigenen Reihen, zumindest aber aus der Koalition) attackiert wurde, war schädlich für die Demokratie und ihrer Institutionen. Wer seine jährlich erscheinenden Wehrberichte gelesen hat, wird sich ohnehin über die haltlose Kritik, aber vor allem auch über die heutigen Meldungen gewundert haben. Was ist neu? Nichts.

„Angst und Schrecken” verbreitende Nachrichtenmedien

Ein weit verbreitetes Ritual dürfte das sogenannte „Spindsaufen” sein. (...) Dabei werden Kameraden während der Grundwehrdienstzeit in einem Spind eingeschlossen und durch Wackelbewegungen in Angst und Schrecken versetzt. (...) Eine Variante ist ein Spiel namens „Jukebox”. Dabei wird ein Soldat in seinen Spind eingeschlossen, zum Singen genötigt und umgestoßen.
Spiegel Online, 25.01.2011

Einen „Schrecken” könnte man bei so einem Absatz des Spiegels bekommen; nicht aber wegen der Panikmeldung. Das Spindsaufen ist beinahe so alt wie die Bundeswehr selbst und auch die „Jukebox” lässt alleine schon vom Namen her eine Zeit jenseits der iPod-Generation vermuten. Diese Spiele sind offensichtlich stumpf und für Außenstehende erst recht irritierend. Gezwungen werden die Rekruten allerdings nicht (auch wenn es natürlich Ausnahmen gibt). Ob dieses Spiel bei freiwilliger Teilnahme „Angst und Schrecken” verbreiten würde, ist äußerst spekulativ. Der Bundeswehr und der Regierung geht es diesbezüglich rein um die Außenwirkung. Sollen die Soldaten doch Schildkrötenrennen spielen; Hauptsache, es kriegt draußen keiner mit. Die nicht zu tolerierenden menschenverachtenden Ausnahmen werden allerdings durch den Wehrbeauftragten (nach einer Eingabe) aufgeklärt oder durch militärische Vorgesetzte disziplinarrechtlich geahndet.

Der Spiegel der Mutproben

Die zahlreichen „Mutproben”, die der Spiegel in seinem Artikel aufführt, sind allesamt keine Neuigkeiten, auch wenn dies der Artikel auf der medialen Nr. 1 suggerierte. Es sind schlimme Einzelfälle, die regelmäßig in den Wehrberichten auftauchen. Beispiel 2004:

Ein Gefreiter wurde während seiner Grundwehrdienstzeit von Kameraden in einem Spind eingeschlossen und durch die Lüftungsöffnungen mit Wasser bespritzt. (...) Der zuständige Batteriechef distanzierte sich im Rahmen disziplinarer Ermittlungen aufgrund des Vorfalls nicht klar genug vom Ritual des „Spindsaufens“ und ergriff keine disziplinaren Maßnahmen gegen die beteiligten Soldaten.
46. Jahresbericht des Wehrbeauftragten

Besäufnis bei der Bundeswehr?! Ach was...

Und dann, ach Du Schreck, bei der Bundeswehr wird gesoffen! Da betrank sich eine Mannschaft sogar „hemmungslos” (Spiegel Online, 25.01.2011). Lieber Spiegel, arbeiten bei Ihnen ausschließlich ehemalige Zivis, die als Ausrede für ihre Ausmusterung ein bedeutendes Praktikum bei „Wild und Hund” angaben? Man muss kein Soldat gewesen sein, um die gängigsten Klischees über das Soldatenleben zu kennen. Das macht die Sache nicht besser. Alkohol ist ein großes Problem in unserer Gesellschaft, und auch die Menschen in der Bundeswehr sind Teil dieser Gesellschaft. Der Mensch dahinter wird gerne vergessen. Dass der Missbrauch in einer solchen Institution deutlich größer sein dürfte als in einem arabischen Kulturverein, liegt auf der Hand. Sie implizieren aber mit Ihrer permanenten Panikmache vermeintliche Neuigkeiten und das verzerrt die Wahrheit. Auch das Thema „Alkohol” führt der Wehrbeauftragte jährlich auf. Im Wehrbericht 2010 (heute veröffentlicht) heißt es beispielweise:

Nicht selten gehen Dienstpflichtverletzungen mit übermäßigem Alkoholkonsum einher. Außerdienstliches Fehlverhalten, körperliche Misshandlungen und Übergriffe, verbale Entgleisungen und Pflichtverletzungen aller Art (...) bedürfen der konsequenten Aufarbeitung und Ahndung durch die jeweils zuständigen Disziplinarvorgesetzten.
52. Jahresbericht des Wehrbeauftragten

Zukunft der Bundeswehr

Die zwei zitierten Artikel von Spiegel Online wurden offensichtlich unabhängig von dem Wehrbericht 2010 publiziert, nehmen den Bericht jedenfalls nicht auf und beziehen sich ausschließlich auf die aktuellen „Skandale”. Dabei gibt es durchaus spannende Passagen, die man näher hätte beleuchten können, so z.B. folgende Einschätzung:

In Zukunft wird es in der Bundeswehr keine Wehrpflichtigen mehr geben. Das macht die Nachwuchsgewinnung schwieriger und teurer.
Wehrbeauftragter, 25.01.2011

Wie lässt sich dies mit den milliardenschweren Einsparungszielen und der Behauptung zu Guttenbergs, durch den Wegfall die Aussetzung der Wehrpflicht würde man den Jahresetat des BMVg kürzen können, in Einklang bringen? Statt dessen schreibt der Spiegel nur eine Pressemitteilung ab, die die dpa abgeschrieben hat. Schade!

Neuer Wehrbericht erschienen

Ich finde es wichtig, dass über die Probleme innerhalb der Bundeswehr geschrieben wird, und nicht nur dann, wenn der Jahresbericht des Wehrbeauftragten veröffentlicht wird. Dass bei der Bundeswehr Bier getrunken wird, hat aber nichts auf der „1” eines Nachrichtenmediums zu tun. Ich erinnere: Die Meldungen geschahen nicht im Zusammenhang mit dem Wehrbericht. Darüber hinaus können die Einzelfälle nicht zu einem systematischen Rundumschlag deklariert werden. Die Intentionen der Spiegel-Artikel lassen aber diesen Schluss zu. Schade! Ärgerlich! Da war die Tagesschau mit ihrem Online-Artikel „Rüde Umgangsformen an der Grenze zur Straftat” nicht nur schneller, sondern in ihrer nachrichtlichen Gewichtung auch ehrlicher.

Der 52. Wehrbericht des Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus ist heute erschienen. Erst vor 10 Monaten wurde der letzte Jahresbericht des damaligen Wehrbeauftragten Reinhold Robbe veröffentlicht. Das PDF-Dokument können Sie hier herunterladen.

von Sebastian Pertsch | cc-by-nc


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Autor: Sebastian Pertsch
Veröffentlichung: 25. Januar 2011
Ressort: Medien, Politik
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Kommentare Antworten

  • Es sollte auch nicht vergessen werden, dass es häufig nur Neckereien unter Kameraden sind. Vergessen werden sollte aber nicht, dass sowohl die meisten Kameraden als auch man selber häufig nachher drüber lachen kann; warum auch nicht? Ernsthaft zu Schaden kommt „im Regelfall” niemand.

    Aber Soldaten haben ja bekanntlich kein Recht auf Spaß.

    Und seien wir ehrlich: im Zivilen kommt es bei übermäßigem Alkoholkonsum mit Sicherheit nicht seltener zu peinlichen oder gefährlichen Situationen. Würde man sich darüber auch nur halb so sehr aufregen wie über Alkohol bei der Bundeswehr, hätte man vor lauter Schlagzeilen nicht mehr genug Zeitungen.

    Mir hat meine Dienstzeit unglaublichen Spaß gemacht. Auch darauf kommt es an.

  • „Ein­zel­fälle, die re­gel­mä­ßig in den Wehr­be­rich­ten auftauchen.”

    Ausdrücke wie „regelmäßige Einzelfälle” klingen mir ein bisschen zu viel nach Politikergewäsch.

  • Gibt’s denn die Anwärtermass gar nicht mehr? Ein Maßkrug voll mit Bier, Schnäppsen, Schuhwichse, Rotz, Spucke und viel Liebe in der Zubereitung, wobei Spucke, Rotz und Schuhwichse natürlich nur besonders ekelhaften Zeitgenossen vorbehalten war.

    Gab bei uns ganz schön Ärger, als einer nach der Anwärtermass nicht kotzen wollte, sondern das später selber gemacht hat. In die Rosen vom Spiess. Danach ist er noch auf dem Wolf vor der Kompanie rumgesprungen und wollte dann im Unterhemd aus der Kaserne laufen. Anschließend ist er ausgeflippt und musste vom Arzt mit einer Spritze ruhig gestellt werden. Hachja, das waren noch Zeiten... (so 93 rum).

    Lösung: Bundeswehr verbieten!

  • Sie reden davon, dass die teuerer werdende Rekrutierung von Bundeswehrnachwuchs nicht im Einklang stehen würde mit den Einsparzielen. Durch das Aussetzten der Wehpflicht fallen allerding ein paar mehr Kosten weg als nur die Rekrutierungskosten. Beispielsweise sind keine Flächendeckende Musterungen mehr nötig, jede Menge Post fällt weg und ein nicht zu venachlässigender Anteil an Sold muß auch nicht mehr bezahlt werden. Auch daurch, dass die Dienstzeiten wieder länger sind als ein halbes Jahr fallen Ausbildungskosten weg. Das sind jetzt Poste die mir innerhalb von wenigen Minuten eingefallen sind. Das sind bestimmt nicht alle Einsparungen die entstehen. Dem Rest Ihres Artikels stimme ich zu.

  • Zitat: „ehe­ma­lige Zi­vis, die als Aus­rede für ihre Ausmusterung”

    Nur zur Info, Zivis sind keine Leute, die eine Ausmusterung hinter sich haben, sondern durchaus diensttauglich gemusterte Personen, die den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert haben. Wären sie ausgemustert, wären sie auch vom Zivildienst befreit.

    Was mich ansonsten verwundert, ist die anscheinend weitverbreitete Auffassung, in der Bundeswehr müsse die Menschenwürde zumindest etwas weniger eng ausgelegt werden, da es ja kein „Kuscheljob”, „Mädchenpensionat” oder „Ponyhof” sei. Warum steht dann eigentlich nicht in Artikel 1 Grundgesetz „Die Würde des Menschen ist außerhalb der Bundeswehr unantastbar”?

    Ein ehemaliger Zivi der nicht beim Spiegel arbeitet

  • Ich versteh nich, was eigentlich dieses Spindsaufen sein soll?
    Ich vermute mal, dass da der Spiegel einer total falschen Quelle aufgesessen sein soll.
    Das eigentliche Spindsaufen ist ein Trinkspiel, wo alle Mitspieler auf ihrem Spind sitzen und rundenweise trinken. Derjenige, der zuerst auf die Toilette muss, hat verloren und besorgt den naechsten Kasten. Darueberhinaus gab es noch weitere Trinkspiele, die man in der gewoehnlichen Gesellschaft ausserhalb der Kaserne genauso findet und deren Teilnahme immer freiwillig war/ist.
    Spindwuerfeln oder Jukebox war bei uns (2000) eine, von allen akzeptierte, erzieherische Massnahme, auf dass jeder es irgendwann verinnerlicht hatte, wie man den Spind aufzuraeumen hat. Weitere Massnahmen gabs noch bzgl hygienischen Problemfaellen, wo aber alles noch in einem gewissen Rahmen verlief.

    Das die Leute bei der Bundeswehr zu solchen Aktionen neigen, deutet eher auf feierwuetige oder gelangweilte Menschen hin und die soziale Herkunft macht da auch keinen Unterschied.

    Nun wird so getan, als sei das alles ganz neu und der Ton viel zu rauh, aber warum gehen die Leute dann noch freiwillig zum Bund? 2000 war es schon so, dass ein Ausbilder den Auszubildenden um Erlaubnis fragen musste, wenn dieser ihn anpacken wollte (um etwas vorzufuehren z. Bsp.). Das sorgte schon oft fuer Verwunderung.

    Was darueber hinaus sexuelle Uebergriffe und lebensgefaehrliche Mutproben angeht, sollte natuerlich geahndet werden. Ansonsten sollte man halt bedenken, dass die Bundeswehr keinen Kuscheljob anbietet...

  • Die „Einzelfälle”, die dann aber „mit Regelmäßigkeit” auftauchen.

    Ich glaube, das nennt man dann eher „Regelfall”.

  • Für die Berichterstattung über die Bundeswehr oder sicherheitspolitische Themen bei SPON scheint Matthias Gebauer die erste Wahl zu sein. Leider füllt er seine Unwissenheit auf diesem Gebiet mit einer Menge Vorurteilen und ist schon fast verzweifelt bemüht, jedes militärische (Fehl-)Verhalten zu einem Skandal hochzuschreiben. Die Sachlichkeit bleibt dabei oftmals auf der Strecke wie z.B. der Artikel über den Tod eines Soldaten in einem Außenposten in Nordafghanistan zeigt. Er erregt sich über Fotos auf denen die Soldaten mit ihren Waffen posieren. (Jeder Wehrpflichtige wird wahrscheinlich ein solches Bild von sich haben...)

    In einem anderen Artikel über die von Wikileaks veröffentlichten Pentagonpapiere, stellte er fast schon enttäuscht fest, dass sich dort keine Hinweise auf Kriegsverbrechen deutscher Soldaten finden ließen.

  • sie sagen am anfang ihres artikels das sie die vorkommnisse nicht verharmlosen wollen..relativieren das aber mit dem rest ihres artikels..denn nur weil es einige dinge schon lange gibt..heißt es noch lange nicht das sie deswegen gut und tolerierbar sind..eher sollte man sich wundern das es immer nocht geschafft wurde es abzustellen..
    schikanen und menschenverachtende rituale sollten verboten werden und es sollte vor allem bei der ausbildung der offiziere wert darauf gelegt werden das die zukünftigen offiziere auch wissen was erlaubt ist und wann sie die grenze zu straftatbeständen überschritten haben
    ich war auch beim bund und da gab es weder spindsaufen noch jukebox..weder während der grundausbildung noch danach
    und so zu tun al wäre das dausende saufen nichts schlimmes lässt vermuten das sich der schreiber auch mal gerne besäuft
    denn es passieren genug unfälle unter alkoholeinfluß, und es wewrden auch genug gewalttaten verübt

  • Sie haben das ” Kekswichsen” vergessen! Obwohl mir noch kein Soldat sagen konnte, ob der Verlierer oder der Gewinner den Keks dann essen muß/darf. Das Militär war und ist schon immer ein Sammelbecken für sonderbare Personen. MfG

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