29.
Jun
2011

von Sebastian Pertsch | 29.06.2011 | Shortlink: http://go.rockbär.de/MSA

Kurz kommentiert: Schreibkompetenz

Welche Schreibkompetenz?

Zugegeben: Berlin hat in Bezug auf sein Schulsystem nicht den besten Ruf. Unter gleichen Konditionen — so die landläufige Meinung — wird eher ein Bayer statt ein Hauptstadtkind für den Studien- oder auch Arbeitsplatz genommen. Die „Wertigkeit” des Berliner Schulabschlusses ist miserabel. Vielleicht liegt das aber auch nicht an den doofen Berlinern oder den doofen Schülern oder den doofen Ausländern oder den doofen Preußen. Vielleicht tragen auch die doofen Aufgaben der schriftlichen Prüfungsarbeiten zu diesem Ruf bei? In dieser Woche haben die Berliner Schüler ihre Zeugnisse erhalten. Die Prüfungsarbeiten — und das war schon immer so — wurden hingegen nicht ausgegeben und können nur nach Antrag auf Akteneinsicht begutachtet werden. Möglicherweise ist das auch gut so, die Eltern müssen ja nicht erfahren, was ihre Kinder da geschrieben haben. Das Abgangszeugnis mit den Noten reicht schließlich aus! Riskieren wir aber doch ‘mal einen Blick hinter die Kulissen.

Fragwürdiger Reifegrad

Die Prüfungsaufgaben 2011 zum Mittleren Schulabschluss (MSA) des Faches Deutsch zeigen wahnwitzige Aufgaben, die nicht den Eindruck erwecken, hier wird die mittlere Reife quittiert, sondern vielmehr die Befähigung zum Besuch der Vorschule erfragt. Anzumerken sei an dieser Stelle, dass nicht nur Schüler einer Real- oder Gesamtschule die Prüfungen zum MSA schreiben mussten, auch die Gymnasiasten durften, nein sie mussten ran. Anlass des Ärgers ist der Punkt „Schreibkompetenz”, der über ein Drittel der Gesamtpunktzahl ausmacht.

Welche Schreibkompetenz?

Dabei gab es die meisten Punkte für zwei an sich recht umfangreiche Aufgaben: 1. „Ausfüllen von Formularen” und 2. „Verfassen eines Bewerbungsanschreibens”. Beim „Ausfüllen von Formularen” soll der Schüler in die Rolle eines Lehrers schlüpfen und eine fiktive Klassenreise „organisieren”. Nein, nein! Eigentlich ist schon alles organisiert, die notwendigen Daten kriegt der Prüfling vorgelegt:

Welche Schreibkompetenz?

Er hat das Anschreiben der Jugendherberge, die Abfahrtzeiten der Bahn, die Kosten und die Bankverbindung. In dieser Abfrage der Schreibkompetenz geht es um das Ausfüllen eines stumpfen Überweisungsformulars. Ich schließe die Augen und stelle mir den dümmsten Schüler vor, der während der Prüfung via Twitter einen Mitschüler fragt, wo er die Online-PIN eintragen soll. Nein, das hat nichts mit Schreibkompetenz zu tun! Ein Überweisungsformular? Das gehört — wenn überhaupt — in das Fach Sozialkunde, vielleicht noch Wirtschaft. Selbst in der Mathematik wäre es besser aufgehoben. Aber wir befinden uns tatsächlich im Fach Deutsch.

Welche Schreibkompetenz?

Auch die Punkteregelung ist fragwürdig: Wenn z.B. der Name des „Begünstigten” falsch geschrieben wurde (statt „Jugendherberge Gunzenhausen” vielleicht „Jugendhrberge Gunzenhausen”), wird kein Punkt vergeben, obgleich dies mit der Wirklichkeit nichts gemein hat: Selbstverständlich würde trotzdem die Überweisung gebucht werden. Keine Bank würde den Bankauftrag stornieren oder zurückgeben. Wer den Namen des Kreditinstitutes falsch schreibt, würde ebenfalls keinen Punkt erhalten. Die Stolperfalle in der „Bayerischen Landesbank” übersieht man schnell. Doch auch hier ist die Aufgabe fern jeder Realität: Während Sie beim Online-Banking überhaupt kein Kreditinstitut mehr eingeben können, würde auch bei einem Tippfehler der Bank nichts schief gehen. Ausschlaggeben ist vor allem die Bankleitzahl.

Im nicht öffentlichen „Erwartungshorizont”, der den Korrektoren vorbehalten ist, heißt es allerdings: „Nur bei vollständig korrekter Lösung gibt es die vorgegebene Punktzahl. Die Vergabe von Teilpunkten ist nicht möglich.” Amüsanter wird es im nächsten Schritt: das Ausfüllen eines Online-Formulars der Deutschen Bahn. Übrigens auch hübsch mit Logo des Unternehmens... Product Placement in einer staatlichen Prüfung. Hallo? Hab ich was verpasst?

Welche Schreibkompetenz?

Auch die Preisangabe (siehe Bild darunter) wirkt sehr gestellt. Darf ich mir jetzt selber einen Preis wünschen?

Welche Schreibkompetenz?

Nein, dürfen Sie nicht. Das Online-Formular der Reiseauskunft gibt zum Schluss selber die anfallenden Kosten aus. Des Weiteren muss bei den „Kontaktdaten” die „Privatanschrift des Reiseleiters” eingegeben werden. Auch diese Aufgabe ist unrealistisch. Als Lehrer braucht er selbstverständlich nicht die Privatanschrift anzugeben, sondern die der Schule. Er macht schließlich keine private Gruppenreise. Kommen wir zum anspruchsvollen Teil...

Welche Schreibkompetenz?

Ein Bewerbungsanschreiben ist in der Tat schwierig, zumindest eine erste große Herausforderung. Wobei ich mich frage, was diese Aufgabe einem Zehntklässler am Ende seines Schullebens bringen soll? Diejenigen, die die Schule nach der 10. Klasse verlassen werden, haben aller Voraussicht nach schon vor etlichen Monaten eine Bewerbung geschrieben, wissen also, wie der Hase läuft. Nun denn, die Aufgabe bestand immerhin nicht darin, ein Anschreiben der eigenen Person zu verfassen, sondern von einem gewissen „Jan Janssen”. Vorgegeben wurde Jans Lebenslauf sowie die Annonce zur „Berufsausbildung als Kauffrau/-mann im Groß- und Außenhandel” einer fiktiven Firma, auf die sich der Prüfling beziehen möge. Erneut wird der scheinbar hohe Anspruch getrübt:

Welche Schreibkompetenz?

Wie Sie sehen, muss der Schüler keine Ahnung vom Anschreiben einer Bewerbung haben, um die meisten Punkte zu erlangen. Am Rand befinden sich alle geforderten Lösungen. Die eigentliche Aufgabe ist folgende: Copy&Paste, nur halt mit dem Füller.

Welche Schreibkompetenz?

Und wäre dieser Schwachsinn nicht genug, ist natürlich — und das ist grundsätzlich legitim — der Einsatz des Duden erlaubt, wäre da nicht das Wörtchen ABER...

Welche Schreibkompetenz?

Raten Sie mal, was sich neben den einzelnen Wörtern noch im Duden befindet: ein Bewerbungsanschreiben. Ja, sie haben richtig gelesen! Hurra, der MSA ist also die Befähigung, Dinge von einem Blatt auf ein anderes zu kopieren. Ich frage mich ernsthaft, welcher hippe Typ vom Senat mit Schwarz/Weiß-Fernsehen zu Hause und ‘ner richtig modernen Fernbedienung mit Kabel sich diese geniale Aufgaben zur Schreibkompetenz überlegt hat. Nein, das hat nichts mit Schreibkompetenz zu tun. Ich bitte Sie! Nichts davon! Vorschlag für’s nächste Jahr: Namen tanzen und rhythmisches Klatschen. Der Schulleiter tanzt vor, die Schüler plagiieren den Style und Wowereit sitzt grinsend in der Jury.

von Sebastian Pertsch | cc-by-nc


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Autor: Sebastian Pertsch
Veröffentlichung: 29. Juni 2011
Ressort: Kultur, Politik
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